Was ist Zigeuner- bzw. Rroma-Musik? Diese scheinbar überflüssige Frage hat eine ganze Industrie hervorgebracht. Seit dem 18. Jahrhundert haben Musiker und Wissenschaftler versucht Antworten zu finden. Doch ist dies ihnen nur teilweise gelungen. Die nachfolgende Abhandlung, die keinen wissenschatlichen Anspruch haben will, beruht auf die jahrelange Zusammenarbeit mit Rroma aus ganz Europa. Ziel ist es, einen Überblick zu geben, was als Rroma-Musik anerkannt werden kann.
Also, was
ist Rroma-Musik? Was sind beispielsweise die Gemeinsamkeiten zwischen Flamenco,
ungarischer Zigeunermusik und den Blasorchestern auf dem Balkan? Obwohl die
Rroma alle vom gleichen Land, nämlich aus Indien, stammen und, abgesehen von
lokalen Variationen, dieselbe Sprache sprechen, die gleichen Gesetze und
Traditionen haben, variiert ihre Musik erheblich von Region zu Region und von
Gruppe zu Gruppe. Doch gibt es einige Merkmale, die man als Rroma-Musik
bezeichnen kann.
Es gibt fünf Hauptcharakteristika der Rroma-Musik, die auch die lokalen musikalischen Traditionen formen. Einige von ihnen sind offensichtlich, einige subjektiv, was eine wisschenschaftliche Beschreibung erschwert. Welche sind diese? Ohne eine formal-musikalische Schulung zu verfügen, können wir sie doch grob in “Stimmen”, “Timing”, “Phraseologie”, “Harmoni” und “Gesang” einteilen.
Stimmen: Das erste und wichtigste Charakteristikum der
Rroma-Musik ist die wie auch immer geartete Präsenz von drei Stimmen in jedem
Lied, manchmal auch nur in Teilen davon. Diese Stimmen können gesungen oder
instrumental sein. Die drei Stimmen
die melodische Linie, die Terz und die Quint. Russische Rroma singen
diese; die Instrumente werden nur für Rhythmus und Harmonien eingesetzt. Im
Balkan hingegen übernehmen die Instrumente die Melodie, wei z. B. in den
Blasorchestern Mazedoniens und Bulgariens.
Sogar die sehr traditionellen Lieder, wie man sie bei den Lovara und Kelderara hört, enthalten dieses Element. Das übliche Repertoire besteht nur aus Balladen, von einer oder mehreren Personen gesungen. Der Text wird meist improvisiert. Im Refrain – falls er von mehr als einer Person gesungen wird – meint man die Akkorde bzw. die drei Stimmen herauszuhören. Der Flamenco ist wahrscheinlich die einizige Ausnahme dieser “Regel”, obwohl dieses Element im Canto Rondo auch present ist.
Timing: Am Einsetzen kann man erkennen, ob ein Rrom im Orchester mitspielt, egal, welche Art Musik gerade gespielt oder gesungen wird. Es ist die “Attacke” oder das Einsetzen zu Variationen und Lied. Wo in der klassischen oder allgemein in der westlichen Musik die Variation immer auf den Schlag einsetzt, haben die Rroma die Tendenz zu warten. Ihr Einsatz ist verzögert, also kurz nach dem Schlag. Trotzdem halten sie den Rhythmus und erzeugen so eine rhythmische Spannung.
Phraseologie: Dies ist das subjektivste Kriterium. Es ist sehr schwierig, das Typische an einer Rroma-Phraseologie präszise zu beschreiben. Tatsache ist, es gibt sie! Die beste Analogie ist jene von Wellen. Diese Musik wird mit Intonationen und kleinen rhythmischen Überdehnungen und Kompressionen, die an das Vorbeirauschen einer Welle erinnern, gespielt oder gesungen. Je nach land kann eine Variation, sei sie vokal oder instrumental, als Forte beginnen und dann abflauen oder sich von Mezzo zu Forte steigern.
Harmonie: Die meisten Fachleute konzentrieren sich in ihren Texten auf die Harmonien. Sie sprechen von Zigeuner-Tonleitern, speziellen Harmonien usw. Dieses Phänomen lässt sich einfach erklären: Da, wo das musikalische Erinnerungsvermögen einer Dur-Akkord erwartet, spielen die Rroma einen in Moll. Dies muss nicht immer geschehen, doch in jedem Lied oder in jeder Melodie ist dieses Element sehr präsent. Um ein einfaches Beispiel zu geben: Bei der Folge von Dm – G – C in Dm würde man als nächsten einen Dur-Akkord erwarten. Typischweise wird jedoch ein meninderte Akkord wie beispielsweise a-Moll gespielt.
Gesang: Die Stimmen sind das am wenigsten konstante Element der Rroma-Musik. Auch hier handelt es sich nicht so sehr um die Technik des Singens als um die natürliche Tongebung (und das Volumen) der Stimmen und die Art, wie beides eingesetzt wird. Man denke nur an den Flamenco und höre sich dann russischen Rroma-Gesang an oder, besser noch, die Lovara-Lieder. Die Ähnlichkeiten in der Tongebung und in der Gestaltung sind erstaunlich.
Aber bilden diese Charakteristika die eigentliche Rroma-Musik? Natürlich nicht. Sie liefern bestenfalls einen Leitfaden, der es ermöglicht, das, was typisch Rromanes ist, abzuleiten. Rroma bilden eine geschlossene Gesellschaft, die für einen Gadje schwer zugänglich ist. Rroma-Musiker, auch wenn sie Kontakte zu Gadje haben – denn meist spielen sie ja für diese – benutzen ein anderes Repertoire, wenn sie unter sich sind. Manche Musikstudie hat sich von dieser Rromasitte täuschen und zu einer einsteitigen Darstellung verleiten lassen. Für das, was heute (wie schon fast immer) als „Zigeuner-Musik“ gilt, ist die ungarische Restaurantmusik das vielleicht beste Beispiel. Ihr Stil enthält einige der obengenannten Elemente (Timing und Phraselogie), wird aber von den Roma selbst als gadjikani muzika , Musik für Nicht-Roma, bezeichnet.Es ist nicht mehr und nicht weniger als ungarische Volksmusik, von Roma mit viel Flair und einigen spezifischen Eigenheiten gespielt. Diese Attitüde ist gängig. Russische Rroma bedienen sich russischer Romanzen/Balladen. Und rumänische Rroma spielen Melodien rumänischer Volksmusik etc. Neben den Charakteristika gibt es eine weitere Komponente: das Repertoire. Dieser Punkt ist nicht leicht zu erklären, denn was ist wirklich alte und wirkliche Rroma-Musik und was nicht? Mit jedem Jahr, das die Rroma in einer bestimmten Gegend verbracht haben, wurde ihre Musik von der lokalen Volksmusik beeinflusst und hat im Gegenzug diese wiederum beeinflusst. Daher die Verschiedenheit der Stile, Rhythmen und musikalischen Traditionen unter den Rroma. Im Balkan spürt man die türkische Präsenz in den orientalischen Rhythmen (7/9, 9/11 oder 9/13). Der Flamenco widerspiegelt teilweise die arabische Kultur, die nach dem Eintreffen der ersten Rroma in Spanien noch immer existierte. Was ist also die ursprüngliche oder die „Ur-Musik“ ? Sie existiert und kann auch heute noch herausgehört werden! Repräsentiert wird sie durch alle Rroma-Lieder, die Balladen ohne rhythmische Komponenten, die meist improvisiert sind. Die Lovara–Traditionen geben vielleicht den besten Eindruck, wie diese Ur-Musik geklungen haben könnte. Genauer jene Musik, die bei einer gemeinsamen Tischrunde – von und für Rroma – gespielt wird. Sie improvieren einen Trinkspruch (Toast) oder anderes. Es ist dies der Teil des Rroma–Repertoires, der im Norden wie im Süden, im Osten und im Westen gefunden wird. Bittet man einen alten Rroma, etwas zu singen, bekommt man gewiss zumindest eine dieser Balladen oder Trinksprüche zu hören.
Dies heisst natürlich nicht, dass die anderen Lieder nicht auch aus tatsächlicher Rroma–Tradition entstammen. Einige von ihnen können ziemlich weit zurück verfolgt werden, in Russland beispielsweise liefert die Literatur Belege. Durch politischen Willkür sind leider keine Dokumente, geschweige denn Archive, zu finden. Da hilft es nur noch, sich auf sein Gehör und Gefühl zu verlassen und danach zu entscheiden, ob diese spezelle Melodie alt oder neu sein könnte. Nicht sehr befriedigend, doch es funktioniert – vorausgesetzt, man verfügt über die nötige Erfahrung! Der Reichtum der Rroma-Musik entstammt der Vielfältigkeit ihrer Formen. Man kann schon viele Gruppen und Lieder gehört haben. Und trotzdem gibt es immer wieder Neues. Besonders, weil diese Musik sich ständig weiterentwickelt. Leider kennen nur wenig diese Musik, nicht einmal alle Rroma. Die alten Generationen sterben langsam aus, und mit ihnen verschwindet ein ganzes Stück Rroma-Kultur. Betrachten wir beispielsweis die Sinti: Ihre Musik ist gegenwärtig das, was Django Reinhardt in den 30er Jahren aus einer Mischung zwischen New Orleans Jazz, Blues und Sinti-Musik kreiert hat. Wer erinnert sich schon daran, was Sinti zuvor gespielt haben? Dies ist tragisch, denn um überhaupt einen erfolgreichen Blend (Verschnitt) produzieren zu können, muss man über eine eigene kulturelle Identität verfügen. Sonst wird der neue Blend ein Plagiat.
Tatsache ist, die Rroma-Musik ist ein integraler Bestandteil des europäischen Kulturerbes, und es müsste weltweit mehr darüber erfahren werden.
[1] Weil ein
besserer Ausdruck fehlt, haben wir Anstelle der Gruppen, Kalderara, Lovara,
Sinti etc. gesetzt.
[2] Timing und
Phraseologie.