Gibt es eine beste Variante?

Wenn wir uns auf von Rroma-Gruppen gesprochene Dialekte beschränken, welche Rromanes als Ursprung haben, bis hin zu und unter Einschluss von südslawischen Einflüssen, und die kreolisierten Dialekte vernachlässigen, dann stellt sich die Frage nach dem „Grade der Reinheit“ des von verschiedenen Rroma-Gruppen gesprochenen Dialektes.

Sei es unter Rroma selbst oder unter Experten, so hat es immer Diskussionen zu diesem Thema gegeben, und unterschiedliche Aussagen darüber, welcher Dialekt nun der „reinste“ sei. Dies ist ein eher lächerlicher Ansatz und führt zu einer ziemlichen Menge Unsinn. Der Status von Rroma-Gruppen im Verhältnis zueinander stammt zu einem grossen Teil von der Wahrnehmung der Reinheit ihres Rromanes. Dies bedeutet allerdings nicht, dass der eine Dialekt besser als der andere ist. Für viele Rroma ist das einzige Kriterium für die „Reinheit“ einer jeweiligen Art von Rromanes das Fehlen von lokal erworbenem Wortschatz, das heisst von Wörtern, welche sofort als nicht-Rromanes erkannt werden und dafür von der örtlichen Bevölkerung verstanden werden. Zum Beispiel nehmen viele Kalderash in Russland von sich an, und diese Einschätzung wird von vielen anderen Rromas in Russland geteilt, sie sprächen ein „besseres“ Rromanes, da ihr Dialekt ein relativ begrenztes Vokabular an Russisch beinhaltet. Für jene Kalderash, die nicht mehr Rumänisch sprechen, bedeutet ein Besuch in Rumänien oft einen „Schock“. Viele der Wörter, von ihnen in ihrem Rromanes benutzt und als richtiges Rromanes betrachtet, werden im Rumänischen gefunden. Ein weiteres amüsantes Beispiel sind die Varianten, verwendet von unterschiedlichen nördlichen Rroma, um ein Fenster zu benennen. Im Grossen und Ganzen gibt es zwei hauptsächliche Varianten: eine in Deutsch und eine in Slawisch. Für Sinti ist der von den baltischen und russischen Rroma verwendete Begriff fenstra reines gadžikano, dasheisst nicht-Rromanes. Die Sinti selber brauchen den Begriff voxnin, welcher slawischen Ursprungs ist und für russische und baltische Rroma als gadžikano gilt.

Für eine objektive Analyse der „Reinheit“ eines Dialekts muss man sich dem gemeinsamen Stamm der betreffenden Sprache zuwenden. Später aufgenommene Wörter und morphologische und syntaktische Elemente erlauben kein Urteil darüber. Es ist eine interessante Tatsache, dass man in jeder beliebigen Variante von Rromanes Wörter oder Ausdrücke findet, die auf den gemeinsamen Stamm zurückgehen, welche aber aus anderen Varianten verschwunden sind. Das Verb nakhav (überqueren), welches in Vlax und balkanischen Varianten vorkommt, findet sich nicht in Karpatischen, Nordischen und Ukrainischen Varianten. Das Wort masxari (die Jungfrau Maria) bei einigen Nordischen Gruppen ist indischen Ursprungs, kommt aber bei allen anderen Gruppen nicht vor.

Ein weiterer Faktor kommt noch zu dieser Gleichung dazu: das gänzliche Verschwinden bestimmter „wichtiger“ Ausdrücke aus dem gemeinsamen Stamm. Zum Beispiel gibt es in den meisten Dialekten der Vlax-Rroma kein gemeinsames Stammwort für „das Leben“ oder für „leben“. Sie brauchen die Lexems trajo (das Leben) und trajiv (leben), beide rumänischen Ursprungs, während die Nordischen Begriffe dzijpen (das Leben) und dživav (leben) indischen Ursprungs sind. Interessanterweise genug verwenden alle Vlax-Dialekte dennoch den Begriff džuvindo (lebendig), von den gleichen Wurzeln stammend wie das Nordische dživav. Unter den heutigen Balkanischen Rroma ist džijpen beinah verschwunden, aber in den 1860ernwaren dlivav für „leben“ und džijbe für das Leben beide noch präsent. Sogar die reflexive Form – wiein heutigem polnischem Rromanes dživdjuvav – wurde verzeichnet in der Form von dživgjovava. Ein weiterer solcher Begriff ist lodav mit der Bedeutung „wohnen, leben“. Boretzky und Igla haben die Verwendung dieses Begriffes belegt unter bosnischen Gurbeti, nicht aber unter Balkan-Rroma, während er im „neuen“ Vlax-Vokabular meist abwesend ist.

Die Nordischen Rroma verwenden ihn immer noch mit der Bedeutung lagern, oder unter Sintis als lodopen für Lagerstätten, Wohnquartiere.

Es gibt auch gemeinsame Stamm-Begriffe deren Bedeutung sich je nach Gruppe verändert haben. Morav ist ein solches Beispiel. Unter Vlax-Rroma bedeutet morav „schrubben, scheuern, reiben“, während es für die Nordischen Gruppen „waschen“ bedeutet. Paspati notiert die Verwendung von morav als „scheuern, reiben“ in Verbindung mit „waschen“ als zweifache Verwendung unter diesen Rroma.

In Vlax und sogar in einigen Balkanischen Dialekten bedeutet naj heutzutags Finger, während für Nordische Rroma naj Fingernagel ist. Paspati verzeichnet die Verwendung von naj ausschliesslich als Fingernagel und jene von angušt als Finger wie das Nordische (an)gušt. Dies zeigt einmal mehr den Wechsel von Bedeutung in einigen Dialekten, während andere die ursprüngliche Bedeutung bewahrt haben.

Verschiedene Gruppen haben auch unterschiedliche Stamm-Lexems für eine bestimmte Bedeutung ausgewählt unter vollständigem Verlust des jeweils anderen Begriffs. Die Nordischen Gruppen verwenden die Wörter xačuvav (sich selbst verbrennen) und xačerav/xačkirav (etwas verbrennen), während die Vlax dafür phabuvav und phabarav benutzen; in Balkanischen Dialekten finden sich thabljovav und thabarav/tharav für diese selben Bedeutungen.

Ein weiteres solches Beispiel ist gegeben mit men (Nacken/Hals) bei Balkanischen und Nordischen Dialekten, während Vlax und Ukrainische Rromas kor für die selbe Bedeutung benutzen.

Dies deutet darauf hin, angesichts der Tatsache dass unter Sliven Rroma beide Begriffe existieren, men als Hals und kor als Nacken, dass diese alternativen Begriffe im gemeinsamen Stamm mit leicht unterschiedlicher Bedeutung präsent waren, und dass während des Entstehens von Dialekten entweder der eine oder der andere Begriff gegenüber dem jeweils anderen ausgewählt wurde, auf diese Weise unter Verlust der „Spezialisierung“ der Terminologie.

Schliesslich sollte man beachten, dass bestimmte Lexems, welche mittlerweilen mit bestimmten Gruppen assoziiert werden, unter Balkanischen Rroma im 19. Jahrhundert immer noch gefunden werden konnten und manchmal auch jetzt immer noch überleben, obwohl sie in vielen Fällen heute verschwunden sind. Begriffe wie urjavav (ankleiden); mamuj („gegen“, „vor“ und manchmal – in Russland – „entlang“); udžakerav (warten) werden heutzutags vor allem unter Nordischen Metagruppen gefunden, obwohl sie auf den Balkan zurückgehen.

Diese Evolution ist nicht auf das Rromanes beschränkt: viele weitere Sprachen, wie etwa Deutsch in seinen österreichischen und deutschen Formen – und sogar innerhalb von Deutschland selber – weisen zahlreiche solche Phänomene auf, ebenso wie das Englische zwischen seinen britischen und amerikanischen Varianten, obwohl diese anerkannt werden als ein und die selbe Sprache; wie Churchill einst sagte, seien nämlich England und die USA zwei Länder getrennt durch eine gemeinsame Sprache. Was also bedeuten diese Tatsachen für die Reinheit eines jeweiligen bestimmten Rromanes? De facto ist es nicht möglich, Werturteile abzugeben in Bezug auf einen Grad von „Reinheit“ für alle jene Dialekte, in denen die Substanz des gemeinsamen Stammes stark ist. Alle solche Dialekte enthalten und zeigen Elemente, welche entweder verschwunden sind oder ihre Bedeutung geändert haben, was ihre Klassifizierung in verschiedene „Grade von Reinheit“ unmöglich und irrelevant macht. 

© Opre 2011