Heute herrscht in vielen Köpfen die Meinung vor, dass Märchen und Geschichten bloss aus zusammengesetzten Anekdoten bestehen oder sogar nur “Geschwätz” sei. Dieses Missverständnis muss korrigiert werden: Die genialsten Geschichtenerzähler bei den Rroma sind fähig – so wie die besten Dramaturgen – aus einer momentanen Gegebenheit Antrieb finden und darauseine stundelange Geschichte, gespickt mit vielen Charakteren, Aktionen und Handlung, zu kreieren. Diese Erzählungen und Geschichten sind durchaus mit einem Epos vergleichbar, wie es im Mittelalter die Troubadouren mit ihren Liedern gemacht hatten. Die “Paramicja” sind im Allgemeinen in zwei Teilen getrennt – einerseits als reine Fantasie anderseits als Novellen oder echte Lebensgeschichte. Oft sind es persönliche Erlebnisse oderallgemein bekannte historische Begebenheiten, die vielfach ausgeschmückt werden. Einige Geschichten beinhalten auch Erzählungen aus einer Familie oder einer Gruppe. So ist beispielsweise im Balkan eine weit verbreitete Geschichte bekannt, die über den Grund der Migration der Lovara aus Ungarn- die Geschichten von der Brücke – erzählt. Bei den west- und nordeuropäischen Rroma existieren sogar mystische pharaonische Themen. Die Linie zwischen Fantasie und Wirklichkeit ist oft fliessend.
Dies will nicht heissen, dass all diese Geschichten lang und seriös sind. Im Gegenteil: viele haben einen gewissen Humor und können sogar einen frivolen Charakter haben, nicht zuletzt deshalb auch, um gewisse traditionelle Schranken aufzuweichen. Viele von diesen leichten Erzählungen können ohne weiteres mit den Geschichten in Boccacio’s Decameron verglichen werden.
Typische Geschichten, die in diese Kategorie gehen, zeigen folgende zwei Beispiele: Die eine Geschichte handelt von einem hungrigen Rrom und wie dieser zu einer gebratenen Ente gekommen ist, die zweite ist das Märchen vom schlauen Rrom und dem Teufel. In der ersten Geschichte muss ein Rrom einem geizigen Priester eine Ente servieren. Der Gottesmann sieht,dass sein Angestellter hungrig ist und bietet ihm etwas vom Fleisch an. Doch stellt er einige Bedingungen: Wenn der Rrom einen Flügel von der Ente bricht, so wird ihm ein Arm gebrochen, wenn er ein Bein herausreisst, so wird auch ihm ein Bein herausgerissen. Der Rrom ist aber nicht auf den Kopf gefallen und überlistet seinerseits den Priester. Die Geschichte endet schliesslich derb und komisch.
Das zweite Märchen handelt von einem Schmid, der die Angewohnheit hat, den Teufel zu verfluchen, wenn seine Arbeit nicht gut vorankommt. Eines Tages erscheint ihm der Teufel in der Gestalt eines Lehrlings und bringt den Rrom in eine schwierige Situation – er soll der Ehemann der Nachbarin in Stücke schneiden. Am Schluss kommt der Held mit seiner witzigen Art unbeschadet davon.
In vielen Märchen spielt der Teufel eine wichtige Rolle. Immer wieder ist es der schlaue Rrom, der die Gadze (oft Priester), Gott selber oder eben der Teufel überlistet.
Weitere Themen in der Geschichtenerzählung handeln vom Umgang mit Traditionen und Gesetze. Da ist beispielsweise die Geschichte von der Gastfreundschaft: Ein älterer Rrom stösst zufällig zu einer Gruppe, die gerade am Essen ist. Niemand ladet den Fremden ein. Mit einer kleinen Handbewegung beschämt dieser nun die Anwesenden.
Eine weitere Geschichte in dieser Richtung erzählt von einem Pferd, das von einem vorbeifahrenden Zug getötet wird. Um den Verlust wieder gut zu machen, verfügt ein internes Urteil, dass sich alle am Anspruch des Besitzers beteiligen sollten.
Auch der Tod und die Mule – die Geister kommen in den Geschichten vor. Da sind zum Beispiel die zwei Frauen, dieunwissendlich einem Verstorbenen aus der Handlesen oder der tote Ehemann, der zurückkommt, um seine Frau zu holen. Was bezwecken nun diese Erzählungen?Da sind selbstverständlich einmal die langen Abende, wo die Älteren den Kindern und auch Erwachsenen, die alten Märchen erzählen. Die Geschichten können jedoch auch subtilere Formen annehmen, um so ein Gespräch zu beeinflussen. Dabei soll alles auf den Punkt gebracht und den Gesprächspartner von seiner Einstellung überzeugt werden. In diesem Fall sind die Erzählungen kurz und auf die heutige Zeit angepasst. Die besten Beispiele von Spontaneität und Kreativität im Geschichte erzählen finden sich entweder an einer Tischrunde oder bei der Arbeit. Es ist sogar möglich, dass ein einfacher Toast zu einer poetischen Erzählung werden kann. Ein Rrom mit diesen Fähigkeiten wird dadurch hoch angesehen.