Standardisierung

In den letzten Jahren haben sich mehrere Gelehrte – einige sogar Rroma –eingesetzt für eine Standardisierung des Rromanes, um die Sprache in eine einzige Variante zu verschmelzen. Aus der Sicht ihrer Befürworter ist diese Standardisierung ein Mittel, mit dem eine wahre transnationale Rroma-Identität geschaffen werden kann.

Was also kann und was sollte getan werden? Als erstes sollte man berücksichtigen, dass Rroma von Natur aus zweisprachig sind. Wir werden das ausführlicher im Absatz über die Nordische Gruppe beschreiben, um zu zeigen, wie dies die Schaffung von Gruppendialekten beeinflusst. Alle Rromanes sprechenden Rroma sprechen auch die Sprache des Landes in dem sie wohnen, und in vielen Fällen sogar zusätzliche Sprachen. Daraus resultiert, dass eine starke Beeinflussung und Beeinträchtigung – was ganz natürlich ist – und lokale linguistische Besonderheiten in das Rromanes „sich einschleichen“ – wie wir aus der Geschichte der Rroma gelernt haben. Einige Anläufe zur Schaffung eines vereinheitlichten standardisierten Rromanes sind beinahe bis zur Lächerlichkeit gescheitert. Das Ziel der Erschaffung neuer Wendungen durch falsch platzierte „Neologismen“ kann gelegentlich amüsante Nebenwirkungen hervorbringen. In den meisten Rromanes-Dialekten ist die Endung -lin verbunden mit Obstbäumen wie etwa phabelin [Apfelbaum] von phabaj [Apfel]; ambrolin [Birnbaum] von ambrol [Birne] und so weiter.

Wir sind auf einen Versuch gestossen, den Begriff Kindergarten mit xurdelin zu benennen, von Rromanes xurde mit einer Doppelbedeutung: erstens und für die meisten Rroma bedeutet dieses Wort Kleingeld, zweitens wird es in einigen Dialekten für Kleinkinder verwendet. Es bleibe dahingestellt, ob „Kinderbaum“ oder „Geldbaum“ für Kindergarten für die Rroma verständlicher ist – obwohl die letztere Bedeutung als Geldbaum als möglicher Weg betrachtet werden kann, die Rroma dazu zu verlocken, ihre Kinder an einen solchen Ort zu schicken ...

Zusätzlich zu dieser Schwierigkeit können einige wörtliche Übersetzungen aus anderen Sprachen, obwohl grammatikalisch völlig korrekt, eine gänzlich andere Bedeutung annehmen. In einem Buch für junge Rromakinder, verteilt in verschiedenen Ländern mit der Hilfe einiger internationaler Organisationen, findet sich folgender Satz über einen kleinen Hund namens Rukun: „Rukun so tu andan and-i škola? - Mo kokalo" sollte bedeuten "Rukun, was hast du mir in die Schule gebracht? Meinen Knochen".Unglücklicherweise für den Verfasser verstehen (nach unserer persönlichen Erfahrung) die meisten Rroma nicht, dass der Hund einen Knochen zum Fressen in die Schule brachte, sondern dass er seine eigenen Knochen, sein eigenes Skelett brachte.

Der letzte, wenn nicht sogar schlimmste Versuch ist es,in diesem besonderen Fall, neue Buchstaben zu schaffen, die nur in einigen grammatikalischen Formen verwendet werden.

Das französische ç dieses neuen Alphabetes wird so ausschliesslich in den Fallformen des Instrumentalis verwendet wie etwa in Rromeçar für Rromesa(r) [mit einem Rrom].  Auf die Frage nach der Logik hinter dieser Verwendung von ç rechtfertigte sich der Autor mit der Erklärung, es gebe – wie wir oben gesehen haben – mehrere Dialektvariationen wie etwa Rromesa, Rromeha, Rromeja , und demzufolge könne der neue Buchstabe für alle von ihnen verwendet werden. Unglücklicherweise verwendet er aber im Falle des Verbs sein das einfache si , obwohl dort die selben Variationen wie im oben vorgestellten Beispiel vorkommen.

Es gibt aber zahlreiche Variationen wie hi, welche in vielen Dialekten vorkommen. Im Falle dieser Flexion zwischen h und s sollte man konsequent sein und demzufolge das ç in allen Fällen verwenden, in denen es vorkommt, wie etwa in sar / har, savo / havo, und sogar so / ho.

Das selbe würde gelten für den Einschluss des q im Dativ: Rromesqe [dem Rrom]. Die Logik ist die gleiche, da Variationen wie Rromesče sich in einigen Dialekten oder Regionen finden. Kerav [tun], welches die selben Flexionen aufweist, z.B. čerav , wird aber in diesem „Neuen Alphabet“ stets mitk geschrieben.

Wie auch immer, das Thema Alphabet wird eine Hürde bleiben bei derartigen Versuchen zur Standardisierung. In vielen Ländern ist das einzige bekannte Alphabet das lokale, wie etwa das kyrillische in Russland,Ukraine, Weissrussland, Bulgarien, Mazedonien und Serbien, was die Angelegenheit noch kompliziert.

In Bezug auf die Rechtschreibung kommen wir nicht umhin, die Schwierigkeiten zu zitieren, welchen Dieter Hallwachs sich gegenübersah bei der Entscheidung, welche Schreibweise zu verwenden sei in einer neu geschaffenen Orthographie für die burgenländische Variante des Karpathischen Rromanes. Die in Österreich lebenden Rroma widersetzten sich vehement der Aufnahme von Buchstaben wie š oder ž und zogen ihre deutsche Schreibweise sch vor. Genau wie im Falle des Romantsch in der Schweiz stellt sich die Frage, warum eine Standardisierung auf ein einziges Modell notwendig sei. Romantsch wurde in der Schweiz als Schriftsprache wiedereingeführt in drei hauptsächlichen Varianten, korrespondierend mit je einer geographischen Einheit – im Wesentlichen jeweils einem Tal. Schulen und Zeitungen verwenden diese drei Formen, welche mit der gesprochenen Sprache vor Ort übereinstimmen. Für das Rromanes könnte und sollte man sich einsetzen für die natürlichen Gemeinsamkeiten der Dialekte der verschiedenen Gruppen, um langsam „Metadialekte“ herauszuformen, welche eine breite Basis besitzen.Dann darf man hoffen, dass mit der Zeit ein echtes „standardisiertes“ Rromanes entsteht.

Mit einer Verordnung des einen oder anderen Dialektes (oder, wie wir gesehen haben, eines künstlichen) als Basis einer standardisierten Sprache, gerät man an das Problem, dass dieser weder verstanden noch akzeptiert wird. Darüber hinaus haben wir im vorherigen Kapitel geltend gemacht, dass kein einzelner Dialekt„besser“ als der andere ist. Dies bedeutet, dass keine konventionelle Form des Rromanes gefunden werden kann, auf der eine solche Standardisierung aufgebaut werden könnte.

Es erübrigt sich zu sagen, dass auch Schulbildung in einer solchen Sprache beinah wertlos ist,da die zu Hause gesprochene Variante immer den Vorrang hat vor solchen künstlichen Implantaten.

Der richtige und einzige Weg ist also demzufolge die Beschränkung auf die grundlegenden Dialekt-Klassen, welche wir „Metadialekte“ nennen. Dies könnte innerhalb einer jeweiligen Dialekt-Gruppe eine „gemeinsame“ Basis schaffen und schliesslich zu einer vereinheitlichten Sprache führen.

Einmal mehr betonen wir, dass dieser Prozess nur dann eine Aussicht auf Erfolg hat, wenn die Entwicklung aus der Gemeinschaft innerhalb einer Dialekt-Gruppe selbst geschieht, und gar keine Chance, falls sie von ausserhalb aufgezwungen wird.

© Opre 2011